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blog:2013:05:08:stadtfuehrung_hilpoltstein

Stadtführung Hilpoltstein

Ein Teil der Sehenswürdigkeiten vornehmlich historischer Art Hilpoltsteins wurde im Rahmen einer Führung mit Nachtwächter Gottfried Gruber den Kolleginnen und Kollegen aus den Kreisverbänden Roth und Hilpoltstein und deren Gästen unterhaltsam beschrieben und vor Augen geführt.

Treff- und Ausgangspunkt war die renovierte Residenz im Zentrum der Stadt. Ursprünglich verfügte das an der damaligen Straße von Nürnberg nach Venedig gelegene Hilpoltstein neben zwei Torbauten und eine Stadtmauer über 23 (!) Tavernen, drei Weinhäuser und ein Branntweinhaus, um die durchaus bemerkenswerte Schar an Reisenden zu alimentieren. Es dürfte wenig bekannt sein, dass Hilpoltstein über die erste Weißbiergerechtigkeit (Brauerlaubnis) in Bayern verfügte. Die Residenz, einst mittelalterlicher Wohnturm, wurde ab 1619 durch Pfalzgraf Johann Friedrich ausgebaut. Besonders reizvoll erscheinen die Stuckreliefs mit allegorischen und mythischen Szenen, die der Kalkschneider Heinrich Kuhn aus Weikersheim einst schuf. Von der ursprünglichen Farbfassung ist nur ein Rest in der fürstlichen Badestube vorhanden; allerdings sind noch sämtliche Stuckschablonen im Originalzustand erhalten. Ebenfalls im historischen Habitus zeigt sich der einzige erhaltene Kachelofen, die Gräfin besaß derer 16, der Graf im merhin 14. Von der Residenz aus hat man einen schönen Blick auf das ehemalige Festsaalgebäude, in dem die Herrschaften musizierten (bzw. musizieren ließen) und ihre Tanzfeste abhielten.

Neben der Residenz ist die barocke Stadtpfarrkirche St. Johannes der Täufer gelegen. Chor und Turm gehen auf die Gotik zurück, das Langhaus wurde nach Plänen des Ellinger Deutschordensbaumeisters Franz Keller 1732 neu gebaut, andere Kirchenteile barockisiert. Ein Deckenfresko im Chor zeigt eine Ansicht Hilpoltsteins und darüber die Himmelfahrt Mariens. Im Langhaus findet man aufwendigen Deckenstuck von Jeronimo Andrioli aus Apulien. Nachdem Hilpoltstein noch im 16. Jahrhundert evangelisch geworden war, soll der damalige Pfarrer innerhalb eines Tages konvertiert sein und sieben Wochen später seine Köchin geheiratet haben. Eine Wende ergab sich, als 1611 der betrunkene Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg dem Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm eine Ohrfeige verpasste, und zwar genau in dem Moment, als dieser um die Hand der kurfürstlichen Tochter anhalten wollte! Aus Verbitterung (und politischem Kalkül) kehrte der Pfalzgraf zum alten Glauben zurück und verlangte dies – wie damals üblich – ebenso von seinen Untertanen. Die Hilpoltsteiner sträubten sich lange, 1628 jedoch war wieder alles katholisch. Kurioserweise erstreckte sich das Konfessionsbestimmungsrecht nicht auf die beiden Hofhaltungen der Stadt, wo weiterhin evangelische Gottesdienste stattfinden durften. Dieser Schutz wurde seitens der Herrschaft auf Bürger übertragen, die zu Hofbediensteten erklärt wurden – immerhin etwa die Hälfte der Bevölkerung.

Dass die einst mächtige und gut ausgebaute Burg vor ihrem endgültigen Verfall (man nahm sie sogar als Steinbruch für den Rathausneubau her) nochmals instandgesetzt wurde, ist der Pfalzgräfin (infolge des 1927 installierten Burgfestspieles auch unzutreffenderweise Burggräfin genannt) Dorothea Maria zu verdanken. Nach dem Tode von Pfalzgraf Ottheinrich hatte man ihr die Burg als Witwensitz zugewiesen; gleichzeitig wurde damit jeder Einfluss bei Hofe unterbunden. Dorothea Maria, die Fisch, Wild und Wein liebte, erreichte das für damalige Verhältnisse außergewöhnliche Alter von nahezu 80 Jahren.

Die drei angeführten hauptsächlichen Sehenswürdigkeiten, dazu Kleinodien wie der Spitalwinkel, das Ensemble um die Zehentscheune (heute Haus des Gastes) und der Freyerskeller, dazu die ausführlichen, informativen und mit köstlichen Anekdoten angereicherten Erzählungen Gottfried Grubers, der – stilecht – schlussendlich die Kerze seiner Nachtwächterlaterne entzündete, ließen die gut zwei Stunden rasch vergehen – eine Stadtführung der etwas anderen Art.

Text und Bilder von Claus Raumberger

blog/2013/05/08/stadtfuehrung_hilpoltstein.txt · Zuletzt geändert: 2013/05/08 00:00 (Externe Bearbeitung)

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